AuDHS in der Schule: Welche Unterstützung sinnvoll ist

AuDHS in der Schule: Welche Unterstützung sinnvoll ist

Ich bin selbst AuDHS, und ich weiß noch genau, wie sich mein eigener Schulalltag angefühlt hat, bevor irgendjemand dieses Wort überhaupt kannte. Ich brauchte Bewegung und gleichzeitig absolute Ruhe. Ich wollte auffallen und gleichzeitig unsichtbar sein. Für die Lehrkräfte damals ergab das kein stimmiges Bild. Für mich war es mein ganz normaler Alltag.

Genau diese Widersprüchlichkeit macht AuDHS in der Schule so schwer zu greifen, auch heute noch.

Warum ein einzelner Plan bei AuDHS oft nicht reicht

AuDHS bedeutet, dass ADHS und Autismus gleichzeitig vorliegen, und die beiden bringen teilweise gegensätzliche Bedürfnisse mit. ADHS verlangt oft nach Bewegung, Abwechslung und Impulsraum. Autismus verlangt oft nach Struktur, Vorhersehbarkeit und Ruhe. Ein Standardplan, der nur eines von beidem berücksichtigt, geht an der Realität des Kindes vorbei, und genau das erlebe ich im Schulalltag ständig.

Warum Fachpersonen oft zwei getrennte Diagnosen brauchen

Lange Zeit galt in den diagnostischen Manualen die Regel, Autismus und ADHS könnten bei derselben Person nicht gleichzeitig diagnostiziert werden, eine Regel, die inzwischen als überholt gilt. Das hat auch in der Praxis Spuren hinterlassen: Manche Kinder erhalten zunächst nur eine der beiden Diagnosen, weil die auffälligeren Merkmale zuerst ins Auge fallen, während die zweite erst Jahre später erkannt wird, wenn sich Maßnahmen für die erste Diagnose als nicht ausreichend erweisen. Wenn eine Maßnahme trotz sorgfältiger Umsetzung einfach nicht greift, lohnt sich deshalb manchmal der Gedanke, ob nicht doch noch eine zweite, bisher unerkannte Komponente im Spiel ist.

Wenn Bewegungsbedarf auf Reizempfindlichkeit trifft

Ein Kind mit AuDHS braucht möglicherweise ein Wackelkissen oder die Erlaubnis, sich zu bewegen, gleichzeitig aber auch einen besonders ruhigen, reizarmen Arbeitsplatz. Diese Kombination wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es aber nicht. Sinnvoll ist zum Beispiel ein Platz am Rand des Raumes mit einer Bewegungsoption direkt am Stuhl, statt einer offenen Bewegungsfläche mitten im Klassenzimmer, die wieder neue Reize erzeugen würde.

Wenn Impulsivität auf Erschöpfung trifft

Viele Kinder mit AuDHS wirken in der ersten Tageshälfte impulsiv und unruhig, und am Nachmittag völlig erschöpft, fast in sich zusammengefallen. Das ist keine Inkonsequenz, sondern die logische Folge davon, dass ein Nervensystem den ganzen Vormittag über an zwei Fronten gleichzeitig arbeitet. Hilfreich sind deshalb Maßnahmen, die über den Tag verteilt greifen, feste, akzeptierte Bewegungspausen am Vormittag und ein bewusst reizärmerer Nachmittag, statt am Nachmittag noch zusätzliche Anforderungen draufzusetzen.

Warum AuDHS oft später erkannt wird als jede Diagnose allein

Ein wiederkehrendes Muster in der Diagnostik: Bei Mädchen und stillen, angepassten Kindern beider Geschlechter überdeckt die autistische Anpassungsleistung tagsüber oft die impulsive Seite der ADHS, während zu Hause, im vermeintlich sicheren Umfeld, beide Seiten gleichzeitig zusammenbrechen. Lehrkräfte sehen deshalb oft nur ein ruhiges, unauffälliges Kind, während Eltern von völlig anderen Zuständen zu Hause berichten. Diese Diskrepanz wird nicht selten als Erziehungsproblem fehlgedeutet, dabei ist sie ein typisches Anzeichen für genau diese doppelte Belastung, die tagsüber mit aller Kraft unterdrückt und zu Hause endlich losgelassen wird.

Kommunikation, die zu beiden Seiten passt

Spontanes Aufrufen kann bei AuDHS gleich doppelt belasten, es überfordert impulsiv reagierende und gleichzeitig strukturbedürftige Anteile. Angekündigte mündliche Beiträge, eine klare Reihenfolge oder die Möglichkeit, sich vorher kurz zu sammeln, helfen hier oft deutlich mehr als bei einer der beiden Diagnosen allein.

Wenn zwei Diagnosen gegensätzliche Empfehlungen nahelegen

Ratgeber zu ADHS empfehlen oft, Reize eher zuzulassen und Bewegung aktiv einzubauen. Ratgeber zu Autismus empfehlen oft, Reize möglichst zu reduzieren und Struktur zu maximieren. Wer beides gleichzeitig hat, kann mit reinen Einzelratgebern wenig anfangen, weil sie sich in der Praxis gegenseitig zu widersprechen scheinen. Der bessere Ausgangspunkt ist deshalb nicht die Frage „Was hilft bei ADHS“ oder „Was hilft bei Autismus“, sondern eine ganz konkrete Beobachtung: In welchen Momenten des Tages zeigt sich welches Bedürfnis stärker, und wie lässt sich das im Stundenplan und im Klassenzimmer abbilden?

Ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag

Als Lehrerin plane ich meinen eigenen Unterrichtstag inzwischen genauso, wie ich ihn früher als Schülerin gebraucht hätte, mit festen Strukturen, aber eingebauten Bewegungsmomenten, mit klaren Ansagen, aber Raum für kurze Verschnaufpausen. Kein Zufall, sondern zwölf Jahre Erfahrung aus beiden Perspektiven gleichzeitig.

Zusammenfassung

Bei AuDHS treffen die Bedürfnisse von ADHS und Autismus aufeinander, teils widersprüchlich, teils verstärkend. Wirksame Unterstützung kombiniert deshalb Bewegungsraum mit Reizschutz und über den Tag verteilte, vorhersehbare Strukturen, statt sich auf eine der beiden Diagnosen allein zu konzentrieren.

Häufige Fragen zu AuDHS in der Schule

Was ist AuDHS genau? AuDHS bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS bei derselben Person, mit einer eigenen, oft widersprüchlich wirkenden Bedürfnislage.

Warum reicht ein Standardplan für ADHS oder Autismus oft nicht aus? Weil er jeweils nur eine Seite der Bedürfnisse abdeckt, während die andere Seite unberücksichtigt bleibt und dadurch weiterhin Stress erzeugt.

Woran erkenne ich, dass die Maßnahmen bei meinem Kind nicht zusammenpassen? Häufig zeigt sich das darin, dass eine Maßnahme zwar hilft, aber gleichzeitig eine neue Schwierigkeit erzeugt. Das ist ein guter Anlass für ein erneutes Gespräch mit der Schule.

Wenn du dich in diesem Balanceakt wiederfindest

Genau für diese Doppelperspektive habe ich im Praxisguide „Nicht unfair. Sondern notwendig.“  ein eigenes Kapitel geschrieben, aus meiner Sicht als Lehrerin und als Mensch, der AuDHS nicht aus der Theorie kennt.