Die drei UDL-Prinzipien: Handlung und Ausdruck

Die drei UDL-Prinzipien: Handlung und Ausdruck

Ein Schüler kann mir haargenau erklären, wie Photosynthese funktioniert, mündlich, im Gespräch, ohne zu stocken. Aufgeschrieben bekommt er davon kaum etwas aufs Papier, nicht weil er es nicht versteht, sondern weil Schreiben für ihn eine eigene Baustelle ist. Wenn ich nur den Aufsatz bewerte, sehe ich sein Verständnis gar nicht. Ich sehe nur, dass er nicht gut schreibt, was ich längst wusste.

Das dritte UDL-Prinzip heißt Handlung und Ausdruck, und es dreht sich um genau diese Lücke: Wie zeigen Schüler:innen, was sie können, wenn das Format selbst zur Barriere wird? Die ersten beiden Prinzipien, Motivation und Beteiligung sowie Darstellung und Vermittlung, gibt es in den vorherigen Artikeln dieser Reihe, oder als Überblick im Artikel Was ist UDL?.

Warum ein einziges Ausdrucksformat fast immer verzerrt

Das strategische Netzwerk im Gehirn steuert Planung und Ausführung von Handlung, und auch hier gilt: keine zwei Gehirne funktionieren identisch. Wer nur eine Ausdrucksform zulässt, meistens den klassischen Aufsatz, bewertet in Wahrheit zwei Dinge gleichzeitig, Fachwissen und die Fähigkeit, dieses Wissen in genau diesem einen Format zu verpacken. Das zweite hat mit dem eigentlichen Lernziel oft wenig zu tun.

Wahltafeln: mehrere Wege zum selben Ziel

Eine Wahltafel gibt Schüler:innen mehrere gleichwertige Optionen, ihr Verständnis zu zeigen, bewertet mit demselben Raster. Vier Kategorien decken die meisten Fälle ab: Text, Visuell, Präsentation, Kreativ.


Beispiel-Wahltafel
Grafik: Beispiel-Wahltafel mit vier Optionen

 

Wichtig dabei: Alle vier Optionen zeigen dasselbe Verständnis, nur eben unterschiedlich verpackt. Niemand bekommt eine leichtere oder schwerere Aufgabe, nur eine andere Tür zum gleichen Zimmer.

Video und Audio als vollwertiges Prüfungsformat

Statt eines schriftlichen Aufsatzes ein kurzes Video, in dem ein Konzept erklärt wird. Was dabei gemessen wird, ist das Verständnis. Was nicht gemessen wird: Prüfungsangst, Rechtschreibung, Handschrift. Der naheliegende Einwand kommt garantiert: Lesen Schüler:innen dann nicht einfach ab? Zwei einfache Regeln reduzieren das deutlich. Ein Stichwortzettel ist erlaubt, ein ausformulierter Text zum Ablesen nicht, das sieht man beim Anschauen sofort. Und eine kurze, nicht angekündigte Rückfrage direkt nach dem Video zeigt zuverlässig, ob da Verständnis steckt oder nur eine auswendig gelernte Kette Wörter.

Dasselbe Raster für jedes Format

Der Trick, der Wahltafeln und alternative Formate erst fair macht: ein einziges Bewertungsraster, unabhängig vom gewählten Medium.

Beispiel-Bewertungsraster
Grafik: Beispiel-Bewertungsraster

 

Ohne dieses Raster wird jede Formatwahl beliebig, mit ihm bleibt die Bewertung nachvollziehbar, für mich und für die Klasse. Kriterien wie inhaltliche Richtigkeit, Struktur und Eigenständigkeit lassen sich auf einen Text genauso anwenden wie auf ein Video oder eine Zeichnung.

Häufige Fragen zu Handlung und Ausdruck im UDL-Sinn

Ist das nicht viel mehr Korrekturaufwand für mich als Lehrkraft?
Am Anfang etwas, bis das Raster steht. Danach bewerte ich nach denselben Kriterien wie vorher, nur eben über verschiedene Formate hinweg, nicht mehr Aufwand pro Abgabe.

Können Schüler:innen das Format ausnutzen, um sich vor der eigentlichen Leistung zu drücken?
Wenig wahrscheinlich, wenn das Raster wirklich dasselbe Verständnis über alle Formate hinweg abfragt. Ein Video ohne Substanz fällt genauso auf wie ein Aufsatz ohne Substanz.

Damit sind alle drei UDL-Prinzipien einmal einzeln durch. Wer sie zusammen mit fertigen Wahltafel-Vorlagen und Bewertungsrastern umsetzen möchte, statt jedes davon selbst zu entwerfen, findet das komplette System in „Die eierlegende Wollmilchsau für inklusiven Unterricht".