Einschulung vorbereiten bei Autismus und ADHS: 10 konkrete Schritte einer Lehrerin

Einschulung vorbereiten bei Autismus und ADHS: 10 konkrete Schritte einer Lehrerin

Es gibt Artikel, die brauchen keine lange Einleitung. Du hast ein neurodivergentes Kind, die Einschulung rückt näher, und du willst wissen, was zu tun ist. Hier ist meine Liste. Alle zehn Punkte haben wir selbst gemacht, manche mehrfach, manche im Chaos, alle mit Wirkung.

Das Prinzip hinter der Liste habe ich hier ausführlich erklärt: Unbekanntes bekannt machen, damit das Kind seine Energie nicht für Orientierung verbrennt.

1. Die Schule vorher besuchen

Frag an, ob dein Kind vor der Einschulung einmal in Ruhe kommen darf: Klassenraum ansehen, Lehrkraft treffen, vielleicht den Sitzplatz aussuchen. Die meisten Schulen machen das möglich, wenn man freundlich erklärt, warum es hilft. Bonus-Tipp aus der Fachberatung: Orte gemeinsam „in Betrieb nehmen", also den Garderobenhaken einmal benutzen. Für viele Kinder wird ein Ort erst dann ihrer.

2. Die Schule fotografieren

Beim Besuch fotografierst du alles, was später Alltag wird: Eingang, Flur, Garderobe, Klassenraum, Toilette, Pausenhof, Lehrkraft (mit Einverständnis). Daraus wird ein kleines Fotobuch mit einem Satz pro Seite. Dieses Buch schaut ihr an, so oft dein Kind will. Bei uns war das die wirkungsvollste Einzelmaßnahme der gesamten Vorbereitung.

3. Den Schulweg üben

Mehrfach. Erst als entspannten Ausflug, später zur echten Uhrzeit, denn der Weg um 7:40 Uhr ist ein anderer als um 10 Uhr in den Ferien. Legt Ankerpunkte fest (Bäckerei, Briefkasten, Ampel), an denen dein Kind den Weg wie eine Geschichte abspulen kann. Und übt auch das Abholen: „Ich stehe am Zaun links vom Tor" ist eine Information, „irgendwo da vorne" ist keine.

4. Den Stundenplan kennenlernen

Sobald er da ist, hängt er in der Küche. Geht ihn durch wie einen Reiseplan: Was ist Mathe, wie lange dauert die Pause, was passiert danach? Für Nichtleser funktioniert das mit Symbolen und Farben. Der Tag bekommt dadurch eine Form, und ein Tag mit Form macht weniger Angst als ein formloser Klumpen Zeit. Warum das für neurodivergente Kinder so zentral ist, erkläre ich im Artikel über Vorhersehbarkeit.

5. Einen Countdown-Kalender aufhängen

Die letzten zwei Wochen als Streifen zum Abreißen, jeden Abend einen. So wird aus dem diffusen „bald" ein konkretes „noch sechs Mal schlafen". Gerade für Kinder, die mit Zeitbegriffen kämpfen, ist das eine enorme Entlastung.

6. Die Morgenroutine vorher aufbauen

Feste Reihenfolge, visualisiert mit Bildkarten, und in den letzten Ferienwochen ein paar Mal als „Schultag light" geprobt: aufstehen, anziehen, frühstücken, los, nur eben zum Bäcker statt zur Schule. Am ersten Schultag ist die Aufregung groß genug, da sollte wenigstens der Morgen auf Schienen laufen. Auch die Schlafzeiten wandern in kleinen Schritten Richtung Schulrhythmus.

7. Rucksack-Routine statt Morgenchaos

Der Rucksack wird am Nachmittag gepackt, gemeinsam, nach Liste, und er bekommt einen festen Wohnort. Klingt banal, spart aber jeden Morgen genau die Diskussion, die um 7:30 Uhr niemand führen will.

8. Material reizarm auswählen und beschriften

Einfaches Federmäppchen statt Glitzer-Etage, alles beschriftet, ein Farbsystem pro Fach. Und eine Brotdose, die dein Kind selbst öffnen kann, vorher geübt. In der Frühstückspause sitzt es allein vor dieser Dose, und ob sie aufgeht, entscheidet über mehr als den Hunger.

9. Die Lehrkraft informieren

Eine Seite, nicht zwanzig: Warnsignale, was hilft, was es schlimmer macht, was bisher funktioniert hat. Warum diese eine Seite mehr bewirkt als jeder Befundordner und wie sie aussieht, steht ausführlich im Artikel Was ich der neuen Lehrkraft erzählen würde.

10. Den ersten Nachmittag und die erste Woche leer planen

Nach dem ersten Schultag und in der ersten Woche gilt: Akku laden, kein Programm. Warum das so wichtig ist und was passiert, wenn man es überspringt, erkläre ich im Artikel über den Zusammenbruch nach der Schule.

In welcher Reihenfolge?

Nicht alles auf einmal. Die Punkte verteilen sich sinnvoll über die letzten vier Wochen vor der Einschulung, und genau so habe ich sie in der kostenlosen Schulstart-Checkliste sortiert: Woche für Woche, zum Abhaken, ohne Anspruch auf Perfektion. Such dir die Punkte aus, die zu eurem Alltag passen. Auch fünf von zehn verändern den Schulstart spürbar.

Zusammenfassung

Zehn Vorbereitungen, kein einziges Übungsheft: Besuch, Fotos, Schulweg, Stundenplan, Countdown, Morgenroutine, Rucksack, Material, Lehrerinfo, leere Nachmittage. Alles davon kostet wenig und zahlt auf dasselbe Konto ein: ein Kind, das am ersten Schultag mehr wiedererkennt als fürchtet.

Zu jedem dieser zehn Punkte gibt es eine ausführliche Anleitung mit Vorlagen, vom Fotobuch bis zum fertigen Lehrerbrief, in meinem E-Book „Der neurodivergente Schulstart".