Was ist ein Nachteilsausgleich bzw. was sind ausgleichende Maßnahmen? Einfach erklärt für Eltern von Kindern mit ADHS und Autismus

Was ist ein Nachteilsausgleich bzw. was sind ausgleichende Maßnahmen? Einfach erklärt für Eltern von Kindern mit ADHS und Autismus

Einfach erklärt für Eltern von Kindern im Autismus Spektrum und/oder von Kindern mit ADHS

„Ich möchte einfach, dass mein Kind zeigen kann, was es kann.“

Vor einiger Zeit saß mir beim Elternsprechtag eine Mutter gegenüber. Sie wirkte müde, aber nicht auf die Art, wie man müde wird, wenn man den ganzen Tag mit seinem Kind beschäftigt war. Sie wirkte müde vom Erklären. Noch bevor wir überhaupt bei Mathe oder Deutsch angekommen waren, sagte sie einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Ich möchte gar keine Sonderbehandlung für mein Kind.“ Sie schaute kurz aus dem Fenster und ergänzte leiser: „Ich möchte einfach, dass es zeigen kann, was es kann.“

Mehr wollte sie nicht. Keine besseren Noten, keine leichteren Aufgaben, keine Ausnahmen. Nur faire Bedingungen.

Genau darum geht's beim Nachteilsausgleich. Oder, wie wir in Österreich lieber sagen, bei den ausgleichenden Maßnahmen. Zwei Begriffe, ein Prinzip, und trotzdem sorgt kaum ein anderes Thema in Schulen für so viele Missverständnisse.

Ich bin seit über zwölf Jahren Lehrerin, selbst mit AuDHS diagnostiziert und Mutter von drei Kindern, zwei davon neurodivergent. Ich kenne dieses Thema also nicht nur aus der Theorie, sondern aus dem Konferenzzimmer, vom Küchentisch und aus der eigenen Schulzeit. Und ich möchte in diesem Artikel genau das tun, was ich dieser Mutter damals auch versprochen habe: erklären, worum es wirklich geht.

Ein Wort, bei dem alle etwas anderes verstehen

Als Lehrerin habe ich unzählige Gespräche über Nachteilsausgleiche geführt, mit Eltern, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Schulleitungen. Fast immer merke ich schon nach wenigen Minuten: Wir reden gar nicht über dieselbe Sache. Die einen denken an Vorteile. Die anderen an Gerechtigkeit. Wieder andere haben Angst, ihr Kind könnte dadurch abgestempelt werden.

Das liegt selten am bösen Willen. Es liegt daran, dass der Begriff selbst schon in die falsche Richtung klingt. „Nachteilsausgleich“ hört sich an, als würde etwas geschenkt. Als würde ein Nachteil in einen Vorteil umgewandelt. In Wirklichkeit passiert das genaue Gegenteil.

Dabei geht's um Barrieren, nicht um Vorteile oder Sonderrechte. Genauer gesagt um die Barrieren, die kaum jemand bemerkt, weil sie unsichtbar sind.

Warum ein Kind trotz Wissen scheitern kann

Wenn ich vorne in der Klasse stehe, sehe ich 25 oder 30 Kinder. Von außen sitzen sie alle am selben Ort, hören dieselbe Erklärung und schreiben dieselbe Schularbeit. Auf den ersten Blick wirkt das fair. Auf den zweiten Blick sieht es ziemlich anders aus.

Da sitzt das Kind, das gerade versucht, das Summen der Neonröhre auszublenden. Daneben eines, das jedes Rascheln hört, als säße es direkt neben seinem Ohr. Ein anderes zuckt zusammen, wenn am Gang eine Tür zufällt. Und wieder eines überlegt die ganze Zeit, ob es den Arbeitsauftrag überhaupt richtig verstanden hat. Irgendwo dazwischen soll dann nebenbei auch noch Deutsch gelernt werden.

Ich erkläre Eltern den Nachteilsausgleich meistens mit einem einzigen Satz: Wir gleichen keine fehlende Intelligenz aus. Wir gleichen Barrieren aus. Das ist ein riesiger Unterschied.

Ein Kind mit ADHS kann den Rechenweg verstanden haben. Ein Kind im Autismus-Spektrum kann einen Text vollständig erfasst haben. Ein Kind mit AuDHS kann ganz genau wissen, wie eine Aufgabe funktioniert, und trotzdem passiert es, dass dieses Wissen ausgerechnet in der Prüfungssituation nicht abrufbar ist. Nicht jedes Gehirn arbeitet unter Stress gleich, verarbeitet Geräusche gleich oder filtert Reize gleich. Das hat nichts mit Fleiß zu tun und schon gar nichts mit fehlendem Willen. Es ist einfach die Art, wie dieses Gehirn Informationen verarbeitet.

Ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Zwei Kinder schreiben dieselbe Mathematikschularbeit. Beide haben gelernt, beide wollen eine gute Note. Das erste Kind liest die erste Aufgabe und beginnt zu rechnen. Das zweite Kind liest ebenfalls die erste Aufgabe. Nur rückt im selben Moment hinter ihm ein Stuhl, vor ihm fällt ein Bleistift zu Boden, am Gang spricht jemand laut, und die Lehrerin erklärt einem anderen Kind schnell noch etwas. Für die meisten sind das Nebengeräusche, die kommen und wieder verschwinden. Für manche Kinder sind sie alle gleichzeitig da, laut, wichtig, ununterscheidbar. Das Gehirn versucht erstmal, das alles einzuordnen. Für Mathematik bleibt dann kaum noch Platz übrig.

Als Lehrerin sehe ich solche Situationen fast täglich. Mit mangelnder Motivation hat das nichts zu tun. Es zeigt nur, dass Lernen nicht für jedes Gehirn unter denselben Bedingungen stattfindet.

Nachteilsausgleich in Deutschland, ausgleichende Maßnahmen in Österreich

Ein Punkt, der viele Eltern verunsichert: In Deutschland ist der gebräuchliche Begriff Nachteilsausgleich, geregelt je nach Bundesland unterschiedlich in den Schulgesetzen. In Österreich spricht man häufiger von ausgleichenden Maßnahmen, geregelt im Schulunterrichtsgesetz. Beide Begriffe meinen im Kern dasselbe Prinzip: Die Rahmenbedingungen werden so verändert, dass ein Kind zeigen kann, was es kann, ohne dass sich Lernziel oder Anforderung ändern.

Die genauen Zuständigkeiten, Antragswege und rechtlichen Grundlagen unterscheiden sich zwischen den beiden Ländern und sogar zwischen einzelnen Bundesländern. Diesen Unterschieden widmen wir einen eigenen Artikel, weil er ausführlicher ist, als hier Platz ist. Für den Moment reicht dieses Verständnis: Ob dein Kind in Bayern, Berlin, Wien oder Vorarlberg zur Schule geht, das Prinzip dahinter bleibt gleich.

Gleich ist nicht automatisch gerecht

Vielleicht kennst du das Bild von unterschiedlich großen Kindern, die über einen Zaun schauen wollen. Alle bekommen dieselbe Kiste zum Draufstellen. Alle wurden „gleich“ behandelt. Trotzdem kann nicht jedes Kind über den Zaun sehen.

Mir gefällt dieses Bild. Noch lieber mag ich aber ein anderes: Wenn ein Kind eine Brille trägt, sagt niemand „Das ist unfair, die anderen haben schließlich auch keine Brille.“ Wir wissen alle, wozu diese Brille da ist. Sie macht das Kind nicht schlauer. Sie sorgt einfach dafür, dass es sehen kann.

Ein Nachteilsausgleich erfüllt genau diese Aufgabe. Er verändert keine Begabung und kein Lernziel. Er sorgt nur dafür, dass Fähigkeiten überhaupt sichtbar werden können.

Wie ausgleichende Maßnahmen im Schulalltag konkret aussehen

Ausgleichende Maßnahmen sind kein einzelnes Werkzeug, sondern ein ganzer Baukasten, aus dem jede Schule und jede Lehrkraft passend zur individuellen Situation auswählt. Zu den häufigsten Maßnahmen gehören mehr Zeit bei Schularbeiten und Prüfungen, ein ruhigerer Raum oder Einzelarbeitsplatz, Kopfhörer oder Ohrstöpsel gegen Reizüberflutung, mündliche statt schriftliche Abfragen oder umgekehrt, größere Schrift oder strukturiertere Arbeitsblätter, zusätzliche Pausen während längerer Prüfungen und klar formulierte, in Etappen aufgeteilte Arbeitsaufträge.

Wichtig dabei: Keine dieser Maßnahmen verändert, was ein Kind am Ende können muss. Ein Kind, das mehr Zeit bekommt, muss trotzdem dieselben Aufgaben lösen. Ein Kind, das einen ruhigeren Raum nutzt, schreibt trotzdem dieselbe Schularbeit. Verändert werden ausschließlich die Rahmenbedingungen, nicht der Anspruch. Welche Maßnahme im Einzelfall sinnvoll ist, hängt stark davon ab, ob ein Kind ADHS, Autismus, AuDHS oder eine andere Form von Neurodivergenz hat. Diesem Thema widmen wir uns in den folgenden Artikeln dieser Reihe ausführlich, inklusive konkreter Beispiele aus Grundschule und weiterführender Schule.

Zusammenfassung

Ein Nachteilsausgleich oder eine ausgleichende Maßnahme ist kein Vorteil und keine Bevorzugung. Er verändert nicht, was ein Kind wissen oder können muss, sondern nur die Bedingungen, unter denen es das zeigen darf. Er gleicht Barrieren aus, nicht fehlende Intelligenz. Und er ist in Deutschland wie in Österreich im Kern dasselbe Prinzip, auch wenn die Begriffe und die rechtlichen Wege unterschiedlich sind.

 

 

Häufige Fragen zum Nachteilsausgleich

Ist ein Nachteilsausgleich dasselbe wie Notenschutz? Nein. Ein Nachteilsausgleich verändert die Rahmenbedingungen, unter denen eine Leistung erbracht wird. Notenschutz verändert den Bewertungsmaßstab selbst. Beide werden häufig verwechselt, sind aber unterschiedliche Instrumente mit unterschiedlichen Voraussetzungen.

Braucht mein Kind dafür unbedingt eine Diagnose? Meistens ist eine fachliche Bestätigung notwendig, etwa durch eine ärztliche, psychologische oder schulpsychologische Stelle. Die genauen Anforderungen unterscheiden sich je nach Bundesland und Schulform. Wir gehen in einem eigenen Artikel im Detail darauf ein, wer tatsächlich Anspruch hat.

Wird ein Nachteilsausgleich im Zeugnis vermerkt? Grundsätzlich nicht in einer Form, die den Nachteilsausgleich selbst sichtbar macht. Was genau festgehalten wird und was nicht, unterscheidet sich je nach Schulform, dazu gibt es einen eigenen Artikel in dieser Reihe.

Bringt das meinem Kind einen unfairen Vorteil gegenüber Klassenkameraden? Nein. Es stellt lediglich sicher, dass dein Kind unter Bedingungen arbeiten kann, unter denen es sein tatsächliches Wissen zeigen kann. Der Lernstoff, die Anforderungen und der Notenmaßstab bleiben identisch.

Ab wann kann ein Nachteilsausgleich beantragt werden? Grundsätzlich ab dem Zeitpunkt, an dem eine entsprechende Barriere im Schulalltag erkennbar wird, häufig schon in der Grundschule beziehungsweise Volksschule. Wie so ein Antrag konkret abläuft, zeigen wir dir Schritt für Schritt in einem eigenen Artikel.

Und wenn du gerade mittendrin steckst

Wenn du diesen Artikel liest, weil du selbst gerade am Anfang stehst, bist du nicht allein damit. Die meisten Eltern, mit denen ich spreche, wünschen sich vor allem eines: klare, ehrliche Informationen ohne Behördendeutsch und ohne das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

Für einen ersten, kompakten Einstieg habe ich das kostenlose Freebie „Nicht faul. Nicht dumm. Nicht kaputt.“ geschrieben. Es räumt mit den fünf häufigsten Mythen rund um Nachteilsausgleich, Schule, Ausbildung und Beruf auf, klar und ohne Panikmache.

Wenn du tiefer einsteigen und konkrete Formulierungen, einen vollständigen Maßnahmen-Katalog, sowie eine Mustervorlage für das Schulgespräch möchtest, findest du das alles im Praxisguide „Nicht unfair. Sondern notwendig.“, für die weiterführende Schule ebenso wie in der eigenen Ausgabe speziell für die Grundschule beziehungsweise Volksschule.

Beides ersetzt kein Gespräch mit der Schule. Aber es sorgt dafür, dass du gut vorbereitet in dieses Gespräch gehst, so wie die Mutter, die sich am Ende nur eines gewünscht hat: dass ihr Kind zeigen kann, was es kann.